Über dieses Buch

Ein Semester – vier Wochen – und noch ein Semester mehr

Wie aus dem Umbau einer Lehrveranstaltung ein Lehrbuch wurde und warum dieses Buch vor allem ein Instrument ist, um Lernen besser zu verstehen.

Zwei Sitzungen im Semester liefen schon immer anders als die übrigen. In der einen bauen die Studierenden mit LEGO ein Produkt... und zwar mit Scrum. In der anderen Sitzung modellieren sie mit LEGO Serious Play, wie Informationssysteme in einem Unternehmen zusammenspielen und über Organisationsgrenzen hinweg integriert werden können. Es waren immer die beiden interaktivsten, aber auch lehrreichsten Sitzungen des Semesters.

Die Frage war nun: Wie kann man das auf alle anderen Lehrinhalte in der Vorlesung ausweiten, wenn man doch mit einer stärkeren Interaktivität die Studierenden besser erreicht? Die Suche nach einer Antwort hat im Sommersemester 2026 zu einem umfassenden Umbau der Vorlesung geführt, allen voran der Übungen.

Das ist der eigentliche Anfang dieses Buchs. Es beginnt nicht mit dem Wunsch, ein Lehrbuch zu schreiben, sondern mit einem Semester, in dem ich meine Lehre und die zugrundeliegende Lehrarchitektur neu gedacht habe.

Das Format war nicht das Problem

Die Veranstaltung Enterprise Information Systems und E-Commerce gehört zum Bachelorstudiengang BWL an der Ostfalia Hochschule. Pro Durchgang sitzen etwa 40 bis 50 Studierende im Raum, wöchentlich in zwei Blöcken zu je 90 Minuten. Im Wintersemester 2018/19 habe ich die Veranstaltung übernommen, seit dem Wintersemester 2019/20 läuft sie als Flipped Classroom: Die Studierenden bereiten sich mit Videos vor, die gemeinsame Zeit gehört der Anwendung und Diskussion. Über die Jahre sind ein Skript, lange Videos, Quizzes und weitere Materialien dazugekommen.

Die Evaluationen der letzten Semester waren in einem Punkt bemerkenswert eindeutig. Kritisiert wurden die Stoffmenge, die vielen verschiedenen Materialien, vor allem die Länge der Videos und häufig auch die Struktur. Das Lehrformat mit seinen zum Teil interaktiven Elementen selbst bewerteten die Studierenden dagegen positiv. Sie wollten also nicht grundsätzlich ein anderes Format. Sie wollten, dass das Format hält, was es verspricht: keine weitere Frontalvorlesung, sondern echte Interaktion. Die setzt aber eine Vorbereitung voraus, die man allein schafft.

Dazu kam ein zweiter Nachteil, der in keiner Evaluation stand. Ich habe Sitzungen häufig mit einem kurzen Quiz begonnen, um zu sehen, wie sicher die Inhalte saßen. Die Antworten zeigten zuverlässig, wo es hakte. Nur kam diese Rückmeldung erst, als die Sitzung schon lief. Ich konnte reagieren, aber die nötigen Erklärungen nicht mehr gezielt vorbereiten.

Mit einer geplanten Curriculumsänderung, durch die die Veranstaltung künftig Management der Digitalen Transformation heißt, kam der äußere Anlass hinzu, die Veranstaltung nicht nur zu aktualisieren (was man sowieso macht, da die Themen sich weiterentwickeln), sondern insgesamt vom Aufbau und vom Lehrkonzept her neu zu denken.

Ein Semester: die Übungen zuerst

Im Sommersemester 2026 habe ich deshalb nicht beim Skript angefangen, sondern bei den Übungen und beim Lehrdesign insgesamt. Die Grundidee des Flipped Classroom habe ich dabei konsequenter ausgelegt als zuvor: Begriffe und Modelle gehören in die Vorbereitung, die gemeinsame Zeit gehört dem Lösen von Fällen, inklusive den zugehörigen Konflikten, Perspektivwechseln und Entscheidungen unter Unsicherheit, wie sie in der Praxis häufig vorkommen.

Am deutlichsten wird das an der Sitzung zu Künstlicher Intelligenz. Sie lief ohne vorbereitendes Video, vollständig in Präsenz. Statt Begriffe zu erklären und dann anwenden zu lassen, begann sie ohne Folie mit der Frage, welches KI-System (besser welches Sprachmodell) die Studierenden selbst nutzen. Die Begriffe wurden an solchen Ausgangssituationen erarbeitet. Im zweiten Block habe ich die Fragerichtung umgedreht. Die Aufgabe lautete nicht, wie KI beim Fallunternehmen funktionieren würde, sondern warum sie dort derzeit nicht funktioniert. Am Ende stand eine begründete Empfehlung, ob sich ein Einsatz lohnt oder nicht. Diese Umkehrung klingt klein. Sie verhindert aber, dass Gruppen ein Schema abarbeiten, und zwingt sie, Voraussetzungen zu prüfen.

Das Fallunternehmen, die NordWerk Designmöbel GmbH, ist in diesem Semester entstanden. Ein fiktiver Möbelhersteller aus Bremerhaven, an dem sich Enterprise Architecture, Projektmanagement, Integration, KI, Geschäftsmodelle und Plattformen durchspielen lassen, ohne dass jedes Thema ein neues Beispiel braucht.

Auf die Frage vom Anfang gab das Semester eine erste Antwort: Die Interaktivität blieb nicht auf die beiden LEGO-Sitzungen beschränkt. Sie zog sich durch die ganze Bandbreite der Übungen.

Mit den Übungen hat sich meine Rolle verändert. Früher habe ich zu oft doziert und damit Lernformen genutzt, in denen Studierende vor allem passiv zuhören. Heute bin ich deutlich stärker Lernbegleiter: Ich helfe den Studierenden, ihr Lernen selbst besser zu gestalten. Das ist anstrengender, als es klingt. Die Zeitplanung wurde schwieriger, weil neue Übungen neue Probleme mitbrachten. Offene Formate legen nicht fest, was am Ende herauskommt, und das verlangt schnelles Umschalten und genaues Hinsehen, wie eine Gruppe mit der Aufgabe und vor allem mit ihren Erkenntnissen umgeht.

Die interessanteste Beobachtung betrifft Abkürzungen: Studierende suchen sich innerhalb einer Aufgabenstellung Wege, die im Lerndesign nicht vorgesehen waren. Sie erledigen die Aufgabe, aber nicht über die Gedanken, auf die sie zielte. Von außen sieht das Ergebnis ordentlich aus. Gelernt wurde trotzdem etwas anderes als geplant. Seitdem gehört zu jeder Übung die Frage, wie man sie abkürzen könnte – und noch viel wichtiger: Wie man das als Lehrperson erkennen kann.

Vier Wochen: die Umsetzung

Je besser die Übungen über das Sommersemester wurden, desto deutlicher zeigte sich die Lücke davor. Die Vorbereitung musste genau auf die Arbeit in der Sitzung zulaufen, und die Videos bildeten eine Lehrweise ab, die ich so nicht mehr praktizierte. Ursprünglich wollte ich das Buch, das diese Lücke schließen sollte, im laufenden Wintersemester von Hand schreiben. Entstanden ist es in den vier Wochen vor Semesterbeginn.

Das klingt nach einem Kraftakt, war aber vor allem eine Frage der Reihenfolge. Am ersten Tag lag der vollständige Plan vor: die Lernarchitektur, der NordWerk-Fall, die Struktur der Inhalte, erste Ideen zu einem Lernökosystem rund um das Buch. Gedacht und entschieden war das im Semester davor. Kurz gesagt: Die Konzeption hat ein Semester gedauert, die Umsetzung vier Wochen.

Für die Umsetzung habe ich bewusst generative KI eingesetzt, auch weil ich wissen wollte, was damit tatsächlich möglich ist. Die Arbeitsteilung war klar. Claude (Anthropic) hat aus meinen Konzepten und Materialien der Vorlesung (Skript, Transkripte der Videos, etc.) Rohfassungen der Kapitel erzeugt, Konsistenz über elf Kapitel geprüft, den Satz in LaTeX übernommen und vor allem meine Kommentare und Reviews in vielen Runden eingearbeitet. ChatGPT diente mir als zweite Prüfinstanz. Die Reviews und Anpassungen, die Entscheidungen und die Freigabe jedes Kapitels lagen bei mir.

Der größte Zeitgewinn lag dabei nicht im ersten Entwurf, sondern in den Überarbeitungsrunden danach. Eine Anmerkung am PDF, eine Regel, die ich einmal entschieden hatte, eine Kürzung, die sich durch mehrere Kapitel zog: All das ließ sich schnell und vollständig umsetzen statt in mühsamer Handarbeit. So blieb das Buch über alle Kapitel hinweg konsistent. Eng führen musste ich die KI über Regeln. Ich habe schriftlich festgehalten, wie ich argumentiere, welche Formulierungen ich nicht will und wie eine Überarbeitungsrunde abläuft, damit die Texte von Runde zu Runde besser werden statt nur glatter. Aus diesen Regeln ist ein eigenes Dokument zur Buchstimme geworden, das mit jedem Kapitel gewachsen ist. Am Ende standen elf Kapitel, ein Prolog und rund 66.000 Wörter Fließtext, dazu Glossar, Index und Arbeitsblätter.

Ganz nach Plan lief es nicht. In der Intensivwoche unseres Zentrums für erfolgreiches Lehren und Lernen (ZeLL) Anfang September, mitten in den vier Wochen, habe ich zwei Kapitel zusammengelegt und Inhalte gezielt gerafft. In derselben Woche entstand das Erhebungsdesign für das kommende Semester, und ich habe grundlegend darüber nachgedacht, was ein solches Buch über ein Lehrbuch hinaus leisten kann.

Was das Schreiben verändert hat

Überrascht hat mich die Geschwindigkeit. Mehr noch hat mich überrascht, wie weit ich in der Argumentationsführung und in der Reduktion des Stoffs gekommen bin, deutlich weiter, als ich es mir in den vergangenen Jahren vorgenommen hatte. Damit schließt sich der Kreis zu den Evaluationen, die genau das kritisiert hatten: Zu viel Stoff.

Eine Beobachtung hat mich auch noch überrascht: Frustration kam kaum auf. Ich konnte mich seit langer Zeit wieder ganz auf das Lehrdesign und die Ziele meiner Lehre konzentrieren statt auf die Produktion von Material. Das hat mir den Kurs (also die Ziele) meiner Lehre klarer gemacht – und es hat etwas möglich gemacht, das ich allein sonst nicht geschafft hätte: Just-in-Time Teaching in einer Reife umzusetzen, die ohne KI nicht möglich gewesen wäre, zumindest nicht für einen einzelnen Lehrenden in so kurzer Zeit.

Wie das Buch in der Lehre arbeitet

Das Buch ist als Arbeitsbuch angelegt, nicht als Nachschlagewerk. Vor jeder Sitzung lesen die Studierenden ein Kapitel und beantworten einen kurzen Kapitel-Checkpoint, den sie in Moodle übertragen. Ich sehe damit vor der Sitzung, was verstanden wurde, wo Unsicherheit besteht und welche Fehlvorstellungen sich wiederholen, und kann die Sitzung daran ausrichten. Genau das war mit dem Quiz zu Sitzungsbeginn nicht möglich. Nach der Sitzung halten die Studierenden in einem Lernjournal fest, was sich an ihrer Sicht verändert hat. Das Journal bleibt bei ihnen und wird nicht bewertet.

Noch ein Semester mehr

Das Wintersemester 2026/27 hat gerade begonnen. Die Studierenden bekommen das Buch kapitelweise, eine konsolidierte Fassung folgt zum Sommersemester 2027. Mich interessiert in diesem Semester vor allem eine Frage: Ist meine Lehre wirksam, und erzeugt diese Art von Lehrbuch tatsächlich einen Mehrwert?

Damit ich mir hinterher nichts schönrede, habe ich vor dem ersten Datenpunkt festgelegt, was ich wann erhebe und wie ich auswerte. Die Checkpoints zeigen, wo die Konzepte des Buchs an das Vorwissen der Studierenden anschließen und wo nicht. Ein kurzer Rückmeldebogen nach jeder Sitzung zeigt, ob eine Übung die Auseinandersetzung auslöst, für die sie gedacht ist. Die Fragen darauf sind dieselben wie im Sommersemester, damit ein Vergleich möglich bleibt. Alles wird anonym erhoben, und der Zusatzaufwand für die Studierenden soll bei etwa einer Minute pro Woche bleiben. Ergebnisse gibt es noch keine. Ob und wie ich sie veröffentliche, entscheide ich, wenn sie vorliegen.

Kein fertiges Buch

Die erste Auflage des Buchs ist kein Endzustand. Das vergangene Semester hat die Übungen verändert, die vier Wochen haben dieser Veränderung eine dauerhafte Form gegeben. Das kommende Semester prüft nun nicht nur das Buch, sondern auch die Annahmen, auf denen es beruht. Danach beginnt die nächste Iteration und kontinuierliche Weiterentwicklung.

Wenn ich die Entstehung dieses Buchs in einem Satz beschreiben müsste, dann als Folge von Rückkopplungen: Ein Semester hat die Fragen hervorgebracht, vier Wochen haben ihnen eine Form gegeben, und das nächste Semester wird zeigen, welche Fragen ich noch nicht gestellt habe.

An dieser Stelle möchte ich noch folgenden Menschen danken, die mir im Schreibprozess auf verschiedenste Art und Weise geholfen haben: Meike, Ole, Henrik, Ida, Andrea, Kathrin, Sebastian, Antje, Till, Henning, Florian... und ganz wichtig: Allen Studierenden, die mit ihren Kommentaren in den Evaluationen und ihren Feedbacks überhaupt dieses Projekt möglich gemacht haben.

Denis Royer ist Professor für E-Business und Digitale Transformation und Dekan der Fakultät Wirtschaft an der Ostfalia Hochschule, Campus Wolfsburg.